Auszeit

 

Jeder Augenblick ist der Wichtigste - genau in diesem erlebten Moment.                                         

Doch was genau ist eigentlich eine Auszeit?

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr Betrachtungswinkel eröffnen sich mir.

 

Ist es überhaupt möglich eine Auszeit zu nehmen, wenn das Leben und die Herausforderungen, die das Leben an uns stellt - so unerträglich schwer sind, dass das Leben kaum ein Leben ist!?           

Dass es vielmehr ein Funktionieren, als ein bewusstes Agieren ist. Dass der Kontrollverlust, dem wir beim Tod des eigenen Kindes begegnen uns handlungsunfähig macht, uns jeglicher - noch so kleinen Aktivität - nahezu beraubt. Ganz sicher jedoch den ganzen Alltag unwichtig werden lässt. 

Könnte eine Auszeit gelingen? Sind wir in diesen Zeiten in der Lage den Stillstand der Erde, der doch eigentlich stattfinden müsste (und es doch nicht tut), den Lärm und die Hektik des “normalen“ Alltags hinter uns lassen, um einzutauchen in eine ruhigere Welt!?

In eine ruhigere Welt eintauchen, wenn die Welt in uns und ebenso um uns herum schon still geworden ist - zumindest für trauernde Eltern und deren Familien.                                     

Macht das Sinn? Alleine das Schreiben dieser Frage fühlt sich absurd an.

Was macht denn Sinn?  Jeder von uns wird diese Frage individuell für sich beantworten.          Genauso, wie jeder von uns seine ganz eigenen Antworten auf die so wesentlichen Lebensfragen sucht und möglicherweise finden wird oder bereits gefunden hat.

Fast immer, wenn die Außenwelt leiser wird, “hören“ wir unsere Gefühle “lauter“ und nehmen diese eindeutiger wahr. In dieser Ruhe liegt eine tiefe Kraft. Ob allein oder in wohltuender Gesellschaft geliebter Herzensmenschen befindlich, vermag diese Ruhe Herzenstüren zu öffnen - sofern wir uns darauf einlassen können und ein verstehendes, zuhörendes Gegenüber haben.                              Gedanken und Bedürfnisse können leichter wahrgenommen und ausgesprochen werden - wenn alle Emotionen Raum bekommen und Worte auch Millionen Mal ausgesprochen werden können/dürfen.

Manchmal fühlt es sich aber auch vielleicht ganz anders an ...

Die Außenwelt scheint zu schreien - das Licht erleben wir viel zu hell, Worte und Töne viel zu laut. Dieses Laute, das sich dann in jeder unserer Körperzellen wiederfindet und mitschwingt ... so als sei der ganze Körper eine einzige offene Wunde, erschöpft uns und tut weh.                                                Lässt Zweifel aufkommen, ob wir jemals wieder dem Leben zuversichtlich hoffend und vertrauend begegnen können/werden.

Wo finden wir in diesen Momenten die Ruhe, die wir so dringend brauchen?                                            Ist es möglich sich auch an diesen so lauten Tagen an Augenblicke zu erinnern, in denen uns alles zu viel wurde - Tage, die wir dennoch meisterten, unseren Weg mit dieser Situation umzugehen fanden? Daran erinnernd, was uns Kraft gab, und uns auftanken ließ.                                                              Erinnernd wer oder was unsere kraftspendende Energietankstelle war?                                                      Wo fanden wir Verständnis - ohne viel erklären zu müssen?   

Eine Auszeit kann und darf durchaus auch sehr leise sein.                                                                              Sich ins Bett legen, um auszuruhen, nichts sehen und hören zu müssen, sich getragen zu fühlen -  weil die eigenen Beine einen nicht tragen können. Die Welt sich weiterdrehen lassen, mit dem Gefühl für eine Zeit auszusteigen. Raum und Zeit sein lassen, was es ist ... Raum und Zeit.                

Wir müssen nicht immer funktionieren. Wir dürfen sein - “nur“ sein.

Sicherlich kennst auch du diese besonderen Orte.                                                                                        Orte, die kraftvoll sind und/ oder die diese magische Ausstrahlung umgibt.                                            Dort, wo du das Gefühl hast, dass du dich emotional stabilisierst.                                                                Wo ein Spaziergang so viel mehr bewirkt.                                                                                                    Körper und Gefühle, die in Wechselwirkung zueinanderstehen. Die - den meisten unbewusst - Einfluss nehmen auf dein Wohlbefinden. Deine Körperhaltung, durch die du gezielt Einfluss auf deine emotionale und mentale Haltung nehmen kannst.                                                                                Körperlich, emotional und kognitiv gestärkt können wir aus diesen Auszeiten hervorgehen.                Die Natur vermag Lust auf das Leben zu schenken - dem Himmel so nah und doch mit der Erde tief verwurzelt. Diesen Moment spüren, in dem wir uns - als Teil des Ganzen - erkennen.

Auf die leise Stimme des eigenen Herzens zu hören ist wichtig.                                                                  Doch was, wenn die Außenwelt so laut ist, der Stress und die Hektik so groß, dass diese Stimme nicht mehr gehört wird? Wie viel schlauer als der Kopf ist eigentlich unser Körper?
Was wünschen wir uns? Und wie können wir diese Sehnsucht stillen? Wie viel Vorbereitung und Vertrauen benötigt dieser Weg nach innen? Was suchen Menschen in ihrem Inneren und was können sie dort finden?          Welcher Berührungskontakt tut mir gut? Was bedeutet Entspannung für mich?                                    Was verursacht mir Stress und wie kann ich ihm begegnen? Welches Gegengewicht kann die Balance wieder herbeiführen, wenn ein Mensch aus dem Gleichgewicht gerät? Welche Wurzeln nähren uns? Wie ist das eigentlich mit der Wahrnehmung? Was braucht es, um sich gut aufgehoben zu fühlen? Welches Selbstgefühl habe ich eigentlich? Was erzählt uns unser Körper?                                                Wie können wir unser Wohlbefinden beeinflussen?                                                                                      Welche Rolle spielt Musik? Und wie heilsam sind Töne?                                                                          Welchen Stand haben wir? Und welches Selbstkonzept begleitet uns tagein, tagaus?                                Was hat Atem mit Entspannung zu tun? Welchen Einfluss üben unsere Gedanken auf uns aus?
 Welche Ressourcen haben wir, auf die wir zurückgreifen können?                                                        Welche uns bekannten Wege gehen wir intuitiv?                                                                                              Es tut gut darüber nachzudenken - alleine oder gemeinsam.

Können wir das Wort Auszeit so verändern, dass die verschiedenen Blickwinkel sichtbar werden?

Einige Beispiele:

Aus! Zeit!

“Aus!“ ähnlich des Hundekommandos - etwas fallenlassen (was der Hund gerade im Maul trägt), etwas loslassen ...                                                                    

Bei uns Menschen vielleicht - für einen kurzen Moment - die Last des Schmerzes oder die kaum auszuhaltende Sehnsucht. Möglicherweise das Funktionieren wollen/sollen/müssen im Alltag.     

Das Hamsterrad Alltag, was sich trotz Trauer weiterdreht, uns mitschleift - ungeachtet aller unserer schwerst eingeschränkten Möglichkeiten. Vielleicht hört es sich an, wie ein Schrei “Aus!“ und leise nachklingend “Zeit!“ “Aus!“ - Stop, ein Innehalten ... ein Flüstern „Zeit!“

Das ist es, was Du brauchst, um durchzuhalten, um zu überleben, weiterzuleben, irgendwann wieder lebensbejahend leben zu können und zu wollen.                                                                                    Immer lauter wird der Ruf “Zeit!“, bis er uns wellenartig und pulsierend erreicht und wir uns forttragen lassen - eintauchen in Raum und Zeit, die für uns nicht mehr messbar zu sein scheint. Ausruhen!

oder

Au(!)(s)Zeit

So wie, ein freudiges “Au ja!“ eines Kindes, auf die Frage “Hast Du Lust auf einen Ausflug?“

(s) keine Sekunde des Nachdenkes, “Zeit“ endlich Zeit!

 

oder

 

aus Zeit                                                                                                                               

Was machen wir aus Zeit? Wir füllen - meistens unbewusst - unseren Rucksack an Erinnerungen, den wir irgendwann - hoffentlich auch mit vielen, schönen und glücklichen Erlebnissen, Augenblicken und diesen ganz besonderen Momenten - als leichtes (weil wertvolle Erinnerungen) Gepäck mitnehmen werden. Lasst uns aus Zeit unvergessliche, berührende, herzensnahe Momente schaffen und uns an ihnen erfreuen.

 

Jeder kennt das Timeout, die Spielunterbrechung im Sport.

Nicht die Spieler bestimmen den Zeitpunkt dieser Timeouts, sondern die Trainer - unter Einhaltung bestimmter Regeln. Fast, wie im realen Leben.

Völlig unvorbereitet werden wir manchmal aus dem Leben gerissen, aus unserer Lebensbahn - einfach auf eine andere Bahn gesetzt. Eine, die uns weder vertraut ist, noch von unseren Träumen, Wünschen und Hoffnungen geprägt wurde. Eine, die wir nie gewählt hätten, gegen die wir alles eintauschen würden (wenn wir könnten), die unser bisheriges Leben verrückt - von einem Moment auf den anderen. Die nicht uns verrückt macht, obwohl es sich manchmal genau so anfühlt.

 

Time-out

Trauernde möchten sich manchmal von möglichst vielen Reizen isolieren. Jedoch möchten sie nicht isoliert werden. Das ist ein großer Unterschied! Soziale und kommunikative Ausgrenzung wählen wir manchmal (bis häufig), um den Triggern und auch dem Fehlverhalten (was in der Regel aus Unwissenheit entsteht) unseres Umfeldes zu entziehen. Bagatellisierende Äußerungen erschüttern und verletzen Trauernde. Diese Reizüberflutung erfordert dann eine reizarmere Umgebung, die wir manchmal bei Personen finden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

 

Sich aus den beruflichen Verpflichtungen herauszunehmen/ herausnehmen zu lassen, um Energie aufzutanken, ins Leben zurückzufinden, einige Tage Urlaub, vielleicht eine Kur - all’ das kann ebenfalls als Auszeit betrachtet werden.

 

Gemütlich Tee trinken, in wohliger Atmosphäre - vielleicht mit lieben Menschen kann - kann auch im Alltag realisiert werden (wenn wir den Weg nach außen gefunden haben).

Tiere sind wunderbare Freunde, Therapeuten und erspüren unsere Stimmungen sehr genau.

Sie sind als Unterstützer - insbesondere in Zeiten der Trauer - nicht wegzudenken.

Für mich sind sie Himmelsgeschenke.

Ungeachtet dessen, wie wir aussehen, uns kleiden, welchen Beruf wir ausüben, ... sie haben keine Vorurteile, werten nicht. Von Tieren können wir Menschen so viel lernen.

 

Yoga, Entspannung, Sport ... bewegen wir unseren Körper, bewegen wir ebenso unseren Geist.

Und da sich im Leben alles ändert ist es hilfreich, wenn auch wir - nach einer Zeit der Unbeweglichkeit - wieder in Bewegung kommen.

Vieles können wir so neu ordnen, noch mehr ordnet sich so von ganz alleine.

 

Eine Auszeit, um sich über die eigenen Gefühle klar zu werden, kennen einige aus Partnerschaften. Also sind uns Auszeiten gar nicht so unbekannt.  

 

Welchen wichtigeren Grund, als unsere Gesundheit, unser Leben, unser Wohlergehen könnte es besseres für eine Auszeit geben?

 

Die Geburt und der Tod eines Kindes verändern das ganze Leben.

Wenn nichts mehr ist, wie es vorher war, braucht es manchmal ein Innehalten, ein “In sich kehren“, um die Stimme des Herzens zu hören.

Eltern, deren Kind gestorben ist wissen ganz genau, wie sehr sich diese - wohl emotionalste Zeit unseres Lebens - in unser Gedächtnis prägt(e).

Alle Erinnerungen kann diese Zeit überlagern, weil es nichts Wesentlicheres gibt, als diese erlebte Zeit. Auch deshalb erinnern wir uns nach Jahrzehnten an Gespräche und Erlebnisse, als hätten wir es gestern erlebt. Diese erlebte Zeit wirkt nach ...

 

Wenn wir anschließend wenig Neues erleben, wenig schöne Erlebnisse oder aufregende Momente sammeln können sich nur wenig Erinnerungen bilden. Es ist also von wesentlicher Bedeutung, dass wir unsere Zeit mit Schönem und Sinnvollen füllen. Dadurch bekommt Zeit ihre Bedeutung für uns - wird so zu etwas sehr Wertvollem. Niemand braucht Sorge zu haben dadurch die Erinnerungen an sein Kind zu überlagern - das wird nicht geschehen.

Wir tragen unsere Kinder gut behütet und beschützt in unseren Herzen und in unseren Seelen.

 

Jeder Augenblick ist der Wichtigste.

Es ist dieses Fühlen, das zu einem Spüren wird. Die Weisheit der Seele ist so viel mehr als nur das pure Wissen. Und doch ist es diese Symbiose aus Wissen und Weisheit, die nährt - einen Zugang zu Fühlen und Spüren ermöglicht.

Die erkennen, begreifen und handeln lässt - Wege öffnet, die sonst verborgen blieben.

Körper, Geist und Seele als Ganzes wahrnimmt, Impulse schenkt, Ressourcen entdecken lässt, Wandel ermöglicht und Selbstheilungskräfte aktiviert.

Es sind diese kleinen und großen Auszeiten, die uns pflegen, gesunden lassen, in uns Hoffnung und Zuversicht sprießen lassen.

Es sind dies kleinen und großen Auszeiten mit herzensnahen Menschen und Tieren, die uns das Leben spüren lassen, die unsere Liebe begreifbar und sichtbar werden lassen.

Und die uns lehren ... wie kostbar auch unser Leben ist.

Herzensnahe Momente - alles, was bleibt.

Erinnerungen, die Herz und Seele berühren

und Ihre Liebsten - zu gegebener Zeit - auch durch die Trauer tragen.

 

Lasst uns AusZeiten Wundervolles machen!

Von Herzen alles Liebe                                                                                                                                          Martina Hosse-Dołęga

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